Wen soll ich wählen? Nationalratswahl 15. Oktober 2017

Wahlleitfaden

Leitfaden zur Gewissensbildung für christliche Wähler zur Wahl des österreichischen Nationalrates am 15. Oktober 2017*


* Wir möchten alle Interessierte einladen, ihn zu lesen, zu diskutieren, zu kritisieren, zu ergänzen… und uns eine Rückmeldung zukommen zu lassen (feedback.khg@gmail.com). Danke!

Vorwort


Es ist Aufgabe der Kirche das Evangelium Jesu Christi allen Menschen zu verkünden.
[1] Das Evangelium zeigt einen Gott, der Liebe und ein Gott des Lebens ist. Gott schuf den Menschen als Mann und Frau als sein Abbild und vertraute ihnen die Erde an. Die Würde des Menschen besteht in der Freiheit nach dem eigenen Gewissen handeln zu können. Es ist dabei zu beachten, dass „Freiheit nicht das Recht zur Beliebigkeit“ bedeutet. „Freiheit ist kein Freibrief! Wer aus der Freiheit einen Freibrief macht, hat der Freiheit bereits den Todesstoß versetzt. Der freie Mensch ist vielmehr der Wahrheit verpflichtet.“[2] Die Kirche möchte zur Formung des Gewissens beitragen, indem sie die Werte des Evangeliums unter Berücksichtigung der Zeitsituation je neu verkündet.

Es ist nicht die Aufgabe der Kirche Parteipolitik zu betreiben. Stattdessen ermutigt sie besonders junge Menschen zum politischen Engagement und bietet die Werte des Evangeliums als Orientierungs- und Entscheidungshilfe an. „Wir sind [...] nicht für die Bequemlichkeit, sondern für das Große, für das Gute geschaffen“.[3] Die Kirche erkennt das Wahre, Gute und Schöne in jedem Menschen und in jeder Partei an. Nie dürfen Vertreter der Kirche oder kirchliche Institutionen für oder gegen einen Kandidaten, für oder gegen eine Partei ohne Geist der Unterscheidung Position beziehen.

Dieser Leitfaden zur Gewissensbildung für christliche Wähler wurde von Studierenden der Katholischen Hochschulgemeinde in Wien erstellt. Er möchte zu relevanten Themen der aktuellen Debatte Orientierung anhand der Werte des Evangeliums und des kirchlichen Lehramtes geben. Die Kürze des Leitfadens ermöglicht die notwendige Lektüre im Ganzen, weiterführende Verweise zu einzelnen Themen bieten die Fußnoten.

1.       Ehe, Familie, Erziehung

Die Familie aus Frau, Mann und Kind(ern) ist die Keimzelle der menschlichen Gesellschaft.[4] Die Verantwortung für die Bedürfnisse der Familien muss politischen Parteien von zentraler Bedeutung sein. In biblisch-christlichem Verständnis ist die Ehe ausschließlich als Verbindung zwischen einer Frau und einem Mann zu verstehen, da nur aus der Vereinigung von Frau und Mann neues Leben entstehen und so der ethisch verantwortungsvolle Fortbestand der Gesellschaft gesichert werden kann. Deswegen ist der Ehe zwischen einer Frau und einem Mann Vorrang gegenüber anderen Partnerschaftsmodellen einzuräumen, weil gleiches gleich und ungleiches ungleich zu behandeln ist. Dies bedeutet keine Benachteiligung homosexuell empfindender Menschen. Ihnen ist wie jedem Menschen mit Achtung und Respekt zu begegnen.

„Das Grundrecht und die Grundpflicht der Eltern, ihre Kinder zu erziehen sind unveräußerlich.“[5] Politische Parteien haben für Wahlfreiheit in der Betreuung von Kindern im Vorschulalter zu sorgen. Die Entscheidung zur eigenverantwortlichen Erziehung der Kinder sollte nicht gegenüber den staatlichen Betreuungseinrichtungen Benachteiligung erfahren. Diese Wahlfreiheit würde den Zwang zur Erwerbstätigkeit beider Elternteile verringern und öffentliche Budgets entlasten.

2.      Gender-Ideologie

Der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann.[6] Die Gender-Ideologie sieht im Geschlecht ein ausschließlich soziokulturelles Konstrukt statt einer biologischen Realität. Der biblische Glaube sagt, dass Gott den Menschen als Mann und Frau mit Unterschieden erschaffen hat, damit sich beide Geschlechter ergänzen, sich gegenseitig zum Geschenk werden und den eigentlichen Sinn ihres Seins und ihrer Existenz verwirklichen.[7] Auf dem Hintergrund der christlichen Freiheit ist die menschliche Natur zu achten und eine aufgezwungenen Gender-Indoktrinierung entschieden zurückzuweisen. Papst Franziskus sagte dazu: „In Europa, in Amerika, in Lateinamerika, in Afrika, in einigen Ländern Asiens gibt es einen wahren ideologischen Kolonialismus. Und einer von diesen – ich nenne ihn unverhohlen beim Namen – ist die Gender-Theorie! Heute wird den Kindern in der Schule beigebracht, dass jeder sein Geschlecht selber wählen kann. Und warum wird das gelehrt? Weil die Lehrbücher von den Personen und den Institutionen kommen, die dir das Geld geben. Das sind die Formen von ideologischem Kolonialismus, die auch von sehr einflussreichen Ländern unterstützt werden. Und das ist schrecklich.“[8]

3.       Abtreibung und Euthanasie

Das Leben ist von der Empfängnis an mit höchster Sorgfalt zu schützen. Abtreibung und Tötung des Kindes sind verabscheuungswürdige Verbrechen.[9] Die Medizin kann keine Antwort über den Anfang des menschlichen Lebens geben, nicht das Herz, nicht die Nieren, nicht das Schmerzempfinden erheben uns zum würde- und wertvollen Menschen. Die Freiheit eines Menschen darf niemals die Freiheit eines anderen Menschen einschränken. Das Recht auf das Leben des Kindes gehört weder der Mutter noch dem Vater oder gar dem Staat. Besonders bedauernswert ist die Diskriminierung von behinderten Kindern, die bis kurz vor der Geburt abgetrieben werden können. Es ist unsere unbedingte Aufgabe als Christen die Schwächsten der Gesellschaft zu schützen, jene die nicht für sich selbst sprechen können und der Kultur des Todes und der Abwertung der Kostbarkeit des Lebens entschieden entgegenzutreten.[10]

Ebenso verachtenswert ist die Herabwürdigung des Lebens in der Euthanasie. Wer beim Selbstmord hilft überhört den Schrei nach Hilfe der Patienten, die leiden und ignoriert diesen. „Töten steht immer im Widerspruch zur Liebe.“[11]

Das menschliche Leben ist ein „wertvolles Geschenk Gottes“, es ist „heilig und unantastbar und daher sind insbesondere die vorsätzliche Abtreibung und die Euthanasie absolut unannehmbar“. Es muss „liebevoll geschützt werden“, da das Leben seinen Sinn „in der empfangenen und geschenkten Liebe“ findet.[12]

4.       Umweltschutz

Gott hat die Erde für den Menschen geschaffen, der die Krönung seiner Schöpfung ist: „Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land.“[13] Das biblische Grundverständnis legitimiert die nachhaltige Verwendung und den Verbrauch natürlicher Ressourcen. Die Menschen haben jedoch die Verantwortung gegenüber der Umwelt. Die gegenwärtige Generation darf nicht auf Kosten der nachfolgenden Generationen wirtschaften, die Ressourcen aufbrauchen und die Umwelt zerstören. Politische Parteien müssen sich dieser Verpflichtung bewusst werden und daraus resultierend eine nachhaltige Energiepolitik gestalten. Auf internationaler Ebene müssen sie für eine Energiewende werben, die nicht nur der Umwelt zugute kommt, sondern auch ein Motor für die Entwicklung der ärmsten Regionen der Welt sein wird. „Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. [...] Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.“[14]

5.       Solidarität

Die Solidarität mit den Ärmsten und Schwächsten in einer Gesellschaft stellt eine fundamentale Pflicht für Christen dar: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“[15] Eine christliche Gesellschaftsordnung fußt auf dem Prinzip der sozialen Gerechtigkeit, in welcher die Wirtschaft dem Erhalt des Wohlstandes der Menschen zu dienen hat und nicht umgekehrt.[16] Die immer größer werdenden Vermögensunterschiede (soziale Ungleichheiten) warten auf eine moralische Antwort im Sinne der Solidarität. Eine Konsequenz jener Entwicklung ist das soziale Phänomen der Migration. Der freie Personenverkehr und die Niederlassungsfreiheit dürfen grundsätzlich nicht in Frage gestellt werden, denn sie resultieren aus der menschlichen Würde und dessen Freiheit.[17] Der Staat hat jedoch die Pflicht, im Sinne seiner Verantwortung für den Schutz und zum Wohle der eigenen Bürger  Migration angemessen zu beschränken, wenn diese im konkreten Fall eine sachliche und objektive Gefahr für die Allgemeinheit und die öffentliche Sicherheit darstellt.

6.        Religionsfreiheit

Die Freiheit der Religion stellt ein fundamentales Menschenrecht dar.[18] Es ist daher die Pflicht politischer Parteien dieses Recht zu schützen und die Religionsausübung im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben und unter Wahrung des öffentlichen Friedens zu garantieren. Studien über die Situation religiöser Minderheiten zeigen, dass Christen jene religiöse Gruppe bilden, die weltweit am häufigsten Opfer von Verfolgung werden.[19] Die geschichtliche Prägung durch das Christentum zeigt sich heute im christlichen Wertekonsens, der Österreich ausmacht. Österreich ist daher sowohl im Sinn globaler Mitverantwortung als auch aus geschichtlicher und gesellschaftlicher Prägung heraus aufgefordert, mit Nachdruck und Maßnahmen die Stimme gegen Christenverfolgung zu erheben.

7.      Informationsfreiheit

Gemäß dem jedem Menschen zukommenden Recht auf Information, muss der übermittelte Inhalt der Wahrheit entsprechen und den Anforderungen von Gerechtigkeit und Wohltätigkeit genügen.[20] Manchmal werden Sachverhalte in Medien verkürzt, verzerrt, selektiv und nicht der Wahrheit und Wirklichkeit entsprechend dargestellt. Wahrhaftes Zusammenleben und ehrlicher Dialog benötigen Informationsfreiheit und ein breites Spektrum teilnehmender Meinungen. Christen müssen Zensurversuchen, die mit Begriffen wie „Fake News“ und „Hassrede“ Deutungshoheit über das Zulassen oder Verbot bestimmter Meinungen strafrechtlich durchzusetzen versuchen, nachdrücklich widersprechen. „Hassrede“ und „Fake News“ sind bereits jetzt im Strafrecht mit übler Nachrede, Beleidigung, Verleumdung, Kreditschädigung, Verhetzung usw. ausreichend geregelt und müssten nur verstärkt durchgesetzt werden. Verdrehte Medienberichterstattung, beschönigte und absichtlich missinterpretierte Statistiken, Tatsachen und Vorfälle entsprechen nicht der Wahrheit, sind gegenüber den Medienkonsumenten ungerecht und behindern aufgrund ihrer Wirklichkeitsverschleierung soziale Gerechtigkeit und öffentliche Wohlfahrt. Christen müssen vehement für Informations- und Meinungsfreiheit eintreten. Es gibt kein Recht Unliebsames nicht hören zu müssen.

 

Für den Inhalt verantwortlich:
Katholische Hochschulgemeinde Wien
Ebendorferstraße 8
1010 Wien
P. Dr. Martin Mayerhofer FSO
Universitätsseelsorger

Anregungen nehmen wir, wie oben schon erwähnt, sehr gerne entgegen:
feedback.khg@gmail.com

 


[1] „Da trat Jesus auf sie zu und sagte zu ihnen: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt. (Mt 28,19-20)

[2] Papst Johannes  Paul II., Ansprache am Brandenburger Tor am 23.06.1996.

[3] Papst Benedikt XVI., Ansprache an die Pilger aus Deutschland am 25.04.2005.

[4] „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde. (Gen 1,27-28)

[5] Katechismus der Katholischen Kirche 2221.

[6] Ansprache Papst Benedikt im Deutschen Bundestag am  22.9.2011.

[7] Vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Über die Zusammenarbeit von Mann und Frau in der Kirche und in der Welt vom 31.5.2004.

[8] Papst Franziskus, Ansprache des Heiligen Vaters bei der Begegnung mit den polnischen Bischöfen 27.06.2017.

[9] Gaudium et spes, 51.

[10] „Die Flucht vor der Verantwortung, die den Menschen entwürdigt, und noch mehr die Tötung eines wehrlosen, unschuldigen Wesens, können niemals Glück oder Frieden schaffen.“ (Botschaft seiner Heiligkeit Papst Benedikt XVI. zur Feier des Weltfriedenstages am 1.1.2013, 4)

[11] „Beihilfe zum Selbstmord kann niemals ein Liebesdienst sein. Oft wird sie als Mitleid deklariert. Echtes Mitleid solidarisiert sich mit dem Schmerz des anderen, tröstet, so gut dies möglich ist, hilft über kritische Phasen hinweg und hilft Kurzschlusshandlungen vermeiden, sofern die Gefahr dazu besteht. Wenn das Leiden unerträglich wird, kann Mitleid den Wunsch hervorrufen, dass das Leid nicht mehr lange andauert, aber Töten steht immer im Widerspruch zu Liebe und wäre eine falsche Art von Mitleid.“ (Bischof Klaus Küng, Ansprache beim Van-Swieten-Kongress am 1.11.2002)

[12] Johannes Paul II., Evangelium Vitae 81.

[13] Gen 1,26.

[14] Ansprache Papst Benedikt im Deutschen Bundestag am 22.9.2011.

[15] Mt 25,40.

[16] „Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon.“ (Mt 6,24)

[17] „Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott.“ (Lev 19,34)

[18] Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Art. 2.

[19] Vgl. www.opendoors.de.

[20] Papst Johannes Paul II., Botschaft zum 19. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel am 19.05.1985.

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